"Sie wissen, dass sie nackt sind"

by Adriano Sack, August 2016 (Germany)


DER LEGENDÄRE MODEFOTOGRAF PETER LINDBERGH ÜBER DIE ARBEIT MIT DEN ATTRAKTIVSTEN FRAUEN DER WELT. UND ÜBER SEINEN KAMPF GEGEN PHOTOSHOP - FÜR EINE SCHÖNHEIT MIT FALTEN, MAKELN UND CHARAKTER. Er wohnt in Es Cubells, einer der nettesten Ecken von Ibiza. Kate Moss kam kürzlich vorbei, im Hafen liegt sein geliebtes Boot und während des Gesprächs bringt ihm einer seiner sechs Enkel, die gerade zu Besuch sind, eine frisch gebackene Waffel. Schon in den ersten Minuten des Telefonats ist man seinem Charme erlegen: entspannt und tatendurstig, unverblümt und ansteckend. So ist es nur gerecht, dass die schönsten Frauen der Welt diesem Mann geben, wonach sich Beautyriesen, Artdirektoren, Luxusmarken und Regisseure verzehren: ein Stück ihrer Seele. Mit seinen intimen, zärtlichen und gleichzeitig kraftvollen Bildern hat Lindbergh ~~Modegeschichte~~ geschrieben. Nun zeigt ein opulenter Bildband seine Zusammenarbeit mit praktisch allen wichtigen Designern der letzten 50 Jahre, eine Retrospektive in der Kunsthal Rotterdam präsentiert ab 10. September sein Werk, für Pirelli hat er gerade den Kalender 2017 fotografiert. Doch von Selbstmusealisierung ist der Mann weit entfernt. "Ich bin wie ein Dirigent eines Orchesters", sagt er. "Ich kann mit einer mir fast unheimlichen Leichtigkeit machen, was ich will." Und er weiß genau, was er will: Den Schönheitsbegriff, der nicht nur in seiner Branche vorherrscht – er nennt es "das manipulierte Zeug" - hinterfragen, erweitern, nein, genau genommen: zertrümmern. DAS MACHT SEINE BILDER SO KRAFTVOLL >"Das war auch die Idee für dieses Projekt: die Menschen daran erinnern, dass es noch eine andere Form von Schönheit gibt." "Wenn man in 200 Jahren auf unsere Epoche zurückschaut, wird man sagen: 'Die haben doch einen Knall gehabt!' Jegliche Spuren von Erfahrung oder Leben werden mit Photoshop entfernt. Beine werden absurd verlängert. Wir schaffen Monster", sagt er: "Dagegen gehe ich in den Nahkampf." Für diesen Kampf ist er gut gerüstet, denn er kann die wirkungsvollsten Botschafterinnen aufbieten. Für den Pirelli-Kalender fotografierte er unter anderem die Schauspielerinnen Julianne Moore, Nicole Kidman, Robin Wright, Kate Winslet. Kaum geschönt, geschminkt oder retuschiert. "In jede dieser Frauen seit 20 Jahren hoffnungslos verschossen", schwärmt Lindbergh von der zehntägigen Produktion: "Mit jeder Einzelnen wäre ich zu irgendeinem Zeitpunkt am liebsten auf eine Insel für immer verschwunden. Aber ich hatte nicht den Mut, auch nur eine von ihnen wirklich danach zu fragen." Die Tatsache, dass diese Frauen weltberühmt seien, mache die Bilder ~~besonders kraftvoll,~~ findet er: "Sie sind nicht hart, aber ehrlich. Und unheimlich berührend. Das war auch die Idee für dieses Projekt: die Menschen daran erinnern, dass es noch eine andere Form von Schönheit gibt." Genau genommen ist es das Projekt seines Lebens. Lindbergh wollte ursprünglich Künstler werden. Er wuchs in Duisburg auf (die monumentalen Fabrikanlagen prägen seine visuelle Fantasie bis heute), seine erste große Reise unternahm er auf den Spuren von Vincent van Gogh nach Südfrankreich. Daraus wurden zwei Jahre "on the road". Von amerikanischen Hippies in Spanien lernte er Englisch – und offenbar das Talent, ohne Angst zu leben und überall zu Hause zu sein. Er war schon 20 Jahre als Fotograf unterwegs, als sein großer Moment kam. SCHOCKIERENDE DIREKTHEIT STATT GLAMOUR >"Mich interessieren Frauen, die sich nicht durch die Kreditkarte ihres Mannes definieren". Als Anna Wintour 1988 die Chefredaktion der amerikanischen "Vogue" übernahm, lag in der Schublade eine Lindbergh-Produktion, die mit allen Regeln der Branche brach: eine Gruppe von schönen Mädchen am Strand, die nichts trugen außer weißen Hemden, offenen Haaren und dem Verdacht, dass die Welt ihnen gehöre. Keine Mode, Natürlichkeit statt Glamour, eine fast schockierende Direktheit. "Mich interessieren Frauen, die sich nicht durch die Kreditkarte ihres Mannes definieren", erklärt Lindbergh seine Ästhetik. Wintour verstand ihn. Das Foto war von entscheidender Bedeutung sowohl für sie als auch für Lindbergh – und der Anfang des Phänomens "Supermodels". In den frühen 90ern ~~waren Naomi Campbell, Cindy~~ Crawford, Christy Turlington Pop-Idole. Die geniale Frechheit von Linda Evangelista, die behauptete, für weniger als 20.000 Dollar gar nicht erst aus dem Bett aufzustehen, drückte aus, wie die Welt diese Mädchen damals sah – Lindbergh kann noch heute darüber lachen. Aber er hat diese Frauen immer ernst genommen, wenn er sie fotografierte: "Sie wissen, dass sie nackt sind." Seinen neuen Bildband widmet er den Designern, mit denen er gearbeitet hat, aber er hat immer Distanz gewahrt. Lindbergh hat seit 20 Jahren keine Modenschau besucht. Seine Referenzen und Inspirationen sind der expressionistische Film, amerikanische Reportagefotografie aus den 50ern oder das Tanztheater. Am allerliebsten, erklärt er in seinem Buch, habe er Jeanne Moreau fotografiert. Sie sieht auf ihren letzten gemeinsamen Bildern keinen Tag jünger aus, als sie ist. Aber sie ist so schön, wie sie nur jemand zeigen kann, der nicht nur die Augen beim Fotografieren öffnet.