Diese gewisse wirklichkeit

by Freddy Langer, November 2004 (Germany)


Frauen unter Einfluss : Dem Modefotografen Peter Lindbergh zum sechzigsten Geburtstag Es gab einen kurzen Moment in der Geschichte der Populärkultur, da hatten die Stars genug vom Glamour. Die Schauspieler Hollywoods begriffen sich mit einemmal als Künstler, und die Musiker des Pop und Rock verwirklichten sich in der Verherrlichung des Hässlichen. Es fehlte nicht viel, und die Devise der späten achtziger Jahre hätte „Bloss kein schöner Schein“ lauten können. Da sprang die Modeindustrie in die entstandene Lücke und erhob kurzerhand die Damen des Laufstegs von Models erst zu Supermodels, dann zu Megastars. Fast augenblicklich besetzten diese jungen Frauen die Titelseiten sämtlicher Zeitschriften, einerlei, wie weit entfernt deren Inhalt von Haute Couture gewesen sein mag, prompt traten sie auch in Talkshows auf, und nur wenig später moderierten sie ihre eigenen Fernsehsendungen. Dass man den Namen des einen oder anderen Fotomodells kannte, das hatte es auch früher gegeben. Nun aber waren es gleich zehn Mannequins, die selbst der auseinanderhalten konnte, der sich seine Konfektion vom Kaffeeröster zusammenstellen liess: ebenjene „Ten Women“, denen der deutsche Modefotograf Peter Lindbergh 1996 seinen ersten Bildband widmete. Auf Anhieb verkaufte sich das Buch fast hunderttausendmal. >Was Peter Lindbergh dort jeweils fotografierte, entzieht sich den üblichen Gattungsbegriffen. Es lässt sich heute kaum noch beurteilen, ob Peter Lindbergh es war, der Models wie Naomi Campbell und Helena Christensen , Linda Evangelista und Kate Moss, Tatjana Patitz und Christy Turlington berühmt gemacht hat – oder ob nicht umgekehrt er diesen Damen seinen Ruhm verdankt. Gleichsam als Symbiose muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen, aus der keineswegs nur in den Strassen New Yorks oder den Studios von Paris immer neue Einfälle hervorgingen, sondern auch zwischen den Anlagen der Schwerindustrie im Ruhrgebiet oder in den Wüsten des kalifornischen Hinterlands. >„Ich möchte wirkliche Personen fotografieren, nicht das Model“ Modebilder waren es vor allem der Auftraggeber wegen, der populären Modemagazine und der berühmten Modeschöpfer. Ebensogut mag man sie Aktfotos nennen, denn Kleidung ist rar im Werk Peter Lindberghs – so rar, könnte man sagen, dass sie unweigerlich ins Auge springt. Lindbergh selbst spricht am liebsten von Porträts. „Ich möchte wirkliche Personen fotografieren, nicht das Model“, hat er bei Gelegenheit erklärt. „Was mich interessiert, ist diese gewisse Wirklichkeit hinter der Fassade.“ Ein denkbar ungewöhnliches Ansinnen in einem Metier, dem es in erster Linie um Fassadenrenovierung zu tun ist. Peter Lindbergh erfüllt es auch nur sehr bedingt. Tatsächlich ist er ein Fotograf der Blicke. Zwischen Herausforderung und Skepsis changierend, schauen von seinen Bildern stets starke, hochaufgeschossene Frauen den Betrachter direkt an, Frauen, deren ungebändigte Lebenslust ansteckend wirkt und deren Abgebrühtheit zugleich schaudern machen kann. Manche szenische Situation mag sich spontan ergeben haben, etwa in den Pausen am Set und im Verkehrsgewühl, in das sich Lindbergh für seine bestechendsten Aufnahmen ohne grossen Stab von Assistenten stürzte – nur er, das Model und ein Kleinbildapparat. Wieviel Regiearbeit sich dennoch hinter den meisten seiner Aufnahmen verbirgt, belegen die zahlreichen Bildzitate, die er in viele Arbeiten einfliessen lässt. Auf ganz eigene Weise erzählt sein Werk so die Geschichte der Fotografie nach: der Mode und des Akts, des Porträts und sogar der Reportage, wenn Lindbergh mit seinen Mannequins ganze Bildromane inszeniert. Mittlerweile sind auch diese Bilder Teil der Geschichte, und die Supermodels sind Diven einer vergangenen Zeit. Peter Lindbergh aber arbeitet unermüdlich weiter, fotografiert, dreht Filme – und entdeckt immer wieder neue Gesichter. Heute wird er sechzig.