Gute geschafte mit brillanter fotografie

by Christiane Hoffmans, January 2008 (Germany)


Nicht einmal Aktien versprechen so viel Gewinn wie Modefotos. Bilder von Peter Lindbergh, Helmut Newton oder Irving Penn erzielen Höchstpreise. Fachleute sehen darin den Markt der Zukunft. Natürlich hat Peter Lindbergh auch Carla Bruni fotografiert. Bruni — das schöne Model mit Hang zur Musik, das an der Seite des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy die ägyptischen Pyramiden besichtigte und Staatsprotokolle durcheinanderbrachte. Für sein neues Buch ,,Untitled 116″ hat Lindbergh neben 115 weiteren Models und Künstlerinnen auch Bruni nur mit einem zarten Slip bekleidet ausgewählt. Fotografiert hat er sie allerdings vor ihrer Liaison mit dem Staatsoberhaupt. Ob dieses Foto Kunst sei? Mit dieser Frage hat sich der berühmte Fotograf noch nie beschäftigt. «Das ist meine letzte Sorge», sagt Lindbergh. Kann sie auch sein, denn längst haben andere die Frage für ihn beantwortet. Lindberghs Aufnahmen, die er für Modemagazine wie das amerikanische « Harper’s Bazaar » und die italienische und französische « Vogue » macht, sind mittlerweile museumsreif — und damit als Kunst geadelt. Allein dreimal hat das NRW-Forum in Düsseldorf seine Werke ausgestellt. Und Lindberghs langjähriger Düsseldorfer Galerist Hans Mayer zeigt zurzeit wieder einmal eine Schau mit den großformatigen Schönen. 75 000 Euro kostet ein SchwarzWeiß-Foto von Naomi Campbell, Linda Evangelista oder Kirsten McMenamy. Als Mayer vor 15 Jahren zum ersten Mal Lindberghs Fotos ausstellte, wussten Galerist und Künstler nicht, wie viel sie für ein Bild verlangen sollten. Diese Überlegungen waren — wie sich herausstellte — auch gar nicht notwendig, denn verkauft wurde nichts. «5000 Mark wäre der richtige Preis gewesen», sagt Mayer heute. Die Lindbergh-Geschichte ist symptomatisch für die Entwicklung der Modefotografie in der Kunstwelt und auf dem Kunstmarkt. «Erst seit den 90er-Jahren hat sich der Blick auf das Medium Fotografie verändert», sagt F.C. Gundlach, der international bekannteste Fotosammler. 40 Jahre lang hat der Hamburger selbst Mode fotografiert, aber immer auch die Arbeit seiner Kollegen verfolgt. Als er vor 32 Jahren begann, deren Arbeiten zu sammeln, interessierte sich kaum jemand für Fotografie, geschweige denn für Modefotografie. Unter dem Titel « Mode:Bilder » sind im NRW-Forum jetzt 400 Fotos aus dieser Sammlung zu sehen. Darunter sind auch Spitzenwerke seiner Kollegen, des modefotografischen Dreigestirns Richard Avedon, Horst P. Horst und Irving Penn, für deren Werke heute sechsstellige Summen bezahlt werden. Als Gundlach Penn das erste Mal 1980 in seiner Hamburger FotoGalerie ausstellte, verlangte er für Penns Platinprints, einem besonders edlen Druckverfahren, zwischen 1000 und 1500 Dollar. «Heute zahlt man dafür mindestens 400 000 Dollar», sagt Gundlach. Ein Blick in die Listen der Auktionshäuser verrät, dass Irving Penns «Harlequin dress», auf dem das Fotomodell Lisa Fonssagrives lasziv posiert, beim New Yorker Auktionshaus Phillips de Pury & Company 2007 für 406 454 Dollar zugeschlagen wurde. Dagegen sind die Preise für Lindberghs Fotos geradezu dezent. Den Auktionsrekord hält ein Foto von «Keith Richard» für 120 000 Dollar. >«Man muss seine Ikonen selber machen.» Aber damit sich die Lindbergh-Preise auch weiterhin gut entwickeln, arbeitet der Künstler mit der Pinzette. Aus Zehntausenden seiner Fotos zieht er nur sehr wenige Bilder heraus, die er dem Markt überlässt. «Man muss seine Ikonen selber machen», sagt Lindbergh. Nur rund 80 dieser «Ikonen» sind zurzeit auf dem Markt verkäuflich. Um Ruhm und Preis eines Werks in die Höhe zu treiben, sollten also nur wenige Spitzenbilder in einer kleinen Auflage auf dem Markt sein. Damit wird der Jagdinstinkt der Sammler geweckt. Das weiß auch Phillips de Pury & Company. Das Auktionshaus mit angeschlossener Galerie zeigte beispielsweise vor sieben Jahren Arbeiten des Langbein-Frauen-Fotografen Helmut Newton. «Ursprünglich gab es Newton-Bilder in einer sehr hohen Auflage, und die Preise lagen zwischen 6000 und 8000 Dollar», sagt Michaela Neumeister, Senior Partnerin bei Phillips de Pury. « Im Zuge unserer Zusammenarbeit mit Newton wurde die Auflage der Bilder stark reduziert auf maximal drei Stück und das Preisniveau angehoben. Ein Foto kostete dann rund 20 000 Dollar, was die Leute damals als teuer empfanden. « Doch die Strategie ging auf. So wurde beispielsweise Newtons «Big Nude III/ Paris» 2007 bei Christie’s für 380 725 Dollar versteigert. Doch, ob man die Preise nun für zu hoch hält oder nicht, fest steht, dass Modefotografie der Zukunftsmarkt ist. Eine neue Sammlerschaft, die an der Schnittstelle zwischen Mode und Kunst interessiert ist, wie die Designer Michael Michalsky und Marc Jacobs, hat sich herausgebildet und ist bereit, für Qualität viel Geld zu zahlen. «Modefotografie ist von einer ungeheueren Zeitzeugenschaft», sagt F.C. Gundlach. Aber war es nicht genau diese Zeitzeugenschaft, die verhinderte, dass Fotografie als Kunst anerkannt wurde? Vor allem Museumskuratoren rümpften die Nase. Das Foto eines Chanelkostüms könne doch auf gar keinen Fall Kunst sein, war die einhellige Meinung. Als die Witwe des ungarischen Exilfotografen Martin Munkacsi den Nachlass ihres Mannes 1963 dem MoMA und dem Metropolitan-Museum in New York anbot, lehnten diese ab: Selbst geschenkt wollten sie «Reportagefotografie» nicht in ihren heiligen Depots archiviert sehen. Dabei war Munkacsi der erste Fotograf, der seine Models nicht mehr wie aus Stein gemeißelt fotografierte, sondern in Bewegung. Glücklicherweise hat sich die Bewertung der Genres Fotografie und Modefotografie verändert. Dank der kontinuierlichen Überzeugungsarbeit, die Sammler wie F.C. Gundlach seit Jahrzehnten leisten. Aber auch dank Künstlern wie Sigmar Polke oder Martin Kippenberger, die das Medium Fotografie in ihrem Werk gleichberechtigt neben der Malerei verwendeten. «Mittlerweile erkennen alle an, dass das entscheidende Argument, ob etwas Kunst sei oder nicht, die Frage der Qualität ist», sagt Gundlach. Dem würde auch Peter Lindbergh zustimmen.