Das Vermächtnis

by Inga Griese, November 2019 (Germany)


FÜR SEIN LETZTES PROJEKT BRACHTE DER FOTOGRAF PETER LINDBERGH KLEIDER AUS DEM ARCHIV DIORS AUF DIE STRAßEN NEW YORKS. UND ENTFALTETE DAMIT NOCH EINMAL SEINE GANZE MAGIE Man sieht ihn vor sich, wie er da im großen Trubel auf der „Paris Photo“ auf dem Stand von Benedikt Taschen steht, wie stets in heller Chino-Hose und Jeanshemd, und mit einer Mischung von Ungeduld und Güte in die vielen Kameras blickt. Und auf die ewige Frage: „Was ist das Geheimnis Ihrer besonderen Technik?“ so etwas antworten wird wie: „Ich mache es so.“ Und leise hinter sagen: „Ich bin ein Junge aus dem Ruhrpott.“ Doch die Vorstellung ist eine Schimäre. Denn für Peter Lindbergh, der am 6. November der Ehrengast von Verleger Benedikt Taschen sein sollte, wird nur noch sein letztes großes Projekt sprechen. Der Fotograf war am 3. September überraschend gestorben. Am Konzept für den Stand, die Präsentation und die Gäste auf der wichtigen Fotomesse hat sich nichts verändert, er ist vollständig den Bildbänden „Dior Lindbergh“ gewidmet. Mit dem einzigen Unterschied, dass es nun eine Hommage in Gedenken an einen großen Künstler ist. Es ist die vierte Gemeinschaftsarbeit von Lindbergh und Taschen, zwei Wochen vor dem Tod hatten die beiden Freunde noch getüftelt an dem Projekt, das sich gedanklich über Jahre zog: die Kombination von Kostbarkeiten aus dem Dior-Archiv mit der ~~Gegenwart~~ auf den Straßen New Yorks. Oder wie Lindbergh es formulierte: „Ich hatte einfach ganz große Lust, 70 Jahre Couture aus dem beschützten Dior-Museum mit dem Leben von heute zu konfrontieren. Und zwar da, wo es am härtesten zugeht: auf den Straßen in New York. Vor dem Hintergrund der größten Gegensätze zeigen sich oft unerwartete Emotionen.“ Dass Dior für ihn sein Archiv öffnete, verwundert kaum. Herausgekommen ist tatsächlich ein Dialog zwischen zwei besonderen Männern: Christian Dior und Peter Lindbergh, den es als Flüchtlingskind aus Polen erst nach Bayern und dann in den Ruhrpott verschlagen hatte, was ihn auf ewig prägen sollte. Es zeugt von verlegerischem Respekt, aber auch von der Sensibilität des Fotografen, dass das Projekt in zwei (Dior)-grauen Bänden in einem Schuber präsentiert wird. Der eine ist dem Archiv gewidmet, mit teils nie veröffentlichten Aufnahmen, der andere zeigt die Fotos aus New York. Nah beieinander und doch getrennt, kein Vergleich, sondern Partner. Vereint im Wagemut. 80 Fotos hatte Lindbergh für New York geplant, unzählige, unbezahlbare Kleider und Accessoires wurden aus dem Museum unter größtem ~~Sicherheitsaufwand~~ verschifft. Und dann einfach auf der Straße angezogen. Ein Bruch nach Peter Lindberghs Geschmack. Mit allem Respekt, gleichwohl. Die Texte hat der britische Kunsthistoriker und Ausstellungs-Kurator Martin Harrison verfasst. Mit ihm hatte Lindbergh schon in den 80er- und 90er-Jahren gemeinsam an Projekten gearbeitet, es wurde Freundschaft daraus, auch wenn sie sich immer wieder mal aus den Augen verloren. Harrison, der für Benedikt Taschen unter anderem ein Buch mit Linda McCartney verfasst hat, schreibt in seinem Vorwort, wie diese Kooperation begann. Die Männer trafen sich in Paris just an dem Tag, als ein paar Stunden später Notre Dame in Flammen stand. „Es war“, schreibt Harrison, „ein merkwürdiger Zufall und es schien eine Art von Schicksal darin zu liegen, da ich bei Peters Fotografien immer an Gotik dachte – so gotisch eben wie die berühmte Kathedrale von Paris.“ An ein Omen, dass sein Freund die Veröffentlichung des prächtigen Bandes nicht mehr erleben würde, dachte er natürlich nicht. Lindberghs besondere Bildsprache entspringe seiner Menschlichkeit und der Haltung gegenüber Frauen. Die Passion, sie natürlich zu fotografieren, habe die Fotogeschichte verändert. Und „selbst wenn er sie manchmal in eigenartige oder überraschende Locations versetzt hat, so waren sie immer aktiv Beteiligte und Partner bei diesen Foto-Séancen. Die Frauen, die er fotografierte, trauten ihm immer“. Wobei das allein die Magie seiner Aufnahmen nicht erklärt, es ist eine Mischung aus vielen Talenten und Blickfeldern. Und so begibt sich auch Harrison gedanklich noch einmal auf den Weg nach Paris, zum Philosophen Walter Benjamin und dessen „Passagen“-Werk, der großen Kulturkritik, die der Denker zwischen 1927 und 1940 verfasste, aber nicht vollendete. „Für Benjamin war Mode der Inbegriff von Modernität, sich stetig verändernd als Antwort auf kulturelle und politische Verschiebungen, war Mode eine Möglichkeit, die Temperatur des Zeitgeistes zu messen.“ Benjamin habe im ewigen Transformationsprozess der Mode „das Potenzial gesehen, die Ästhetik zu politisieren“. In diesem ~~Kontext~~ sei auch das Werk Lindberghs, der ja seine Leben lang in Bewegung blieb, ein wesentliches kulturelles Artefakt. Er schuf einen ganz neuen Look, und damit schließt sich der Kreis zum Haus Dior. Zumal der „New Look“ von Monsieur Dior nicht nur zum Synonym für die neue Zeit nach dem Krieg wurde, sondern geprägt war von dem tiefen Respekt, den der Modeschöpfer Frauen gegenüber hegte. Dior erzählte davon mit Stoff, Lindbergh mit der Linse. Was für Männer.